Wer einen Elternteil, den Partner oder ein Kind pflegt, tut das meist aus Liebe und aus einem tiefen Verantwortungsgefühl. Gefragt wird man selten. Es passiert einfach: eine Diagnose, ein Sturz, eine langsame Veränderung, und plötzlich ist man diejenige oder derjenige, der alles zusammenhält.

In meiner Berliner Praxis begegne ich immer wieder Menschen, die genau in dieser Rolle stecken. Was mir dabei auffällt: Sie sprechen ausführlich über den Menschen, den sie pflegen. Über sich selbst sprechen sie kaum.

Die unsichtbare Dauerbelastung

Pflege hat kein Wochenende. Neben den sichtbaren Aufgaben wie Arztterminen, Medikamenten, Körperpflege und Behördengängen läuft im Hintergrund eine ständige Wachsamkeit mit. Geht es ihm gut? Hat sie gegessen? Was, wenn heute Nacht etwas passiert?

Diese innere Bereitschaft kostet enorm viel Energie, auch wenn gerade nichts zu tun ist. Viele pflegende Angehörige berichten mir, dass sie sich selbst im Urlaub oder bei einem Treffen mit Freunden nicht mehr richtig entspannen können. Der Körper bleibt im Alarmmodus.

Schuldgefühle: der stille Begleiter

Kaum ein Gefühl begegnet mir bei pflegenden Angehörigen so häufig wie Schuld. Schuld, wenn man ungeduldig wird. Schuld, wenn man sich eine Pause wünscht. Schuld, wenn man insgeheim denkt, dass man das alles nicht mehr will.

Ich möchte an dieser Stelle etwas deutlich sagen: Solche Gedanken sind menschlich. Sie bedeuten nicht, dass Sie den Menschen, den Sie pflegen, weniger lieben. Sie bedeuten, dass Sie an einer Grenze angekommen sind. Und Grenzen verdienen Aufmerksamkeit statt Verurteilung.

Psychische Belastung bei pflegenden Angehörigen: Wann Unterstützung nötig wird

Es gibt keinen festen Zeitpunkt, ab dem man Hilfe „verdient“. Hellhörig werden sollten Sie aber, wenn Sie Folgendes bei sich bemerken:

  • Sie fühlen sich dauerhaft erschöpft, auch nach dem Schlafen.
  • Gereiztheit oder Traurigkeit bestimmen viele Ihrer Tage.
  • Eigene Arzttermine, Hobbys oder Freundschaften fallen seit Monaten weg.
  • Sie haben das Gefühl, mit niemandem offen über Ihre Situation sprechen zu können.

Je früher Sie sich Unterstützung holen, desto eher lässt sich verhindern, dass aus Erschöpfung eine ernsthafte Erkrankung wird. Das ist auch für den Menschen wichtig, den Sie pflegen. Er braucht Sie auf lange Sicht.

Was in der Therapie Raum bekommt

In unseren Gesprächen steht zur Abwechslung einmal nicht die gepflegte Person im Mittelpunkt, sondern Sie. Wir schauen darauf, was Sie gerade am meisten belastet und wo vielleicht kleine Entlastungen möglich sind. Manchmal geht es um ganz praktische Fragen: Wer könnte einen Nachmittag pro Woche übernehmen? Welche Aufgabe darf auch mal unperfekt erledigt werden?

Oft geht es aber auch um Gefühle, für die im Alltag kein Platz ist: Trauer über die Veränderung eines geliebten Menschen, Wut über die Situation, Angst vor dem, was kommt. Mit verhaltenstherapeutischen Methoden arbeiten wir daran, belastende Gedankenmuster zu erkennen und wieder mehr Handlungsspielraum zu gewinnen.

Videotermine, wenn das Haus schwer zu verlassen ist

Für viele Pflegende ist schon der Weg in eine Praxis kaum zu organisieren. Deshalb biete ich neben Terminen in meiner Praxis in Berlin auch Sitzungen per Video an. Sie können dann von zu Hause aus teilnehmen, zum Beispiel während die gepflegte Person schläft oder betreut wird.

Wenn Sie spüren, dass Ihre eigene Kraft auf der Strecke bleibt, nehmen Sie das ernst. Melden Sie sich gern für ein Erstgespräch, in der Praxis oder online. Sich selbst Unterstützung zu holen ist kein Verrat an der Pflege, sondern ein Teil davon.

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