„Ich erkenne mich selbst nicht wieder.“ Diesen Satz höre ich in meiner Praxis in Berlin-Friedrichshain erstaunlich oft, und meistens geht es dabei nicht um Traurigkeit oder Angst. Es geht um Wut. Um den Moment, in dem jemand den Partner wegen einer offenen Schranktür anschreit. Oder im Supermarkt innerlich explodiert, weil sich jemand vordrängelt. Hinterher kommt die Scham, und mit ihr die Frage, was eigentlich los ist.
Viele Menschen, die so etwas erleben, bringen es nicht mit früheren Belastungen in Verbindung. Wut gilt als Charakterfrage. Dabei kann sie eine ganz nachvollziehbare Folge von Erlebnissen sein, die das Nervensystem überfordert haben.
Wut als Traumafolge: Was im Körper passiert
Nach einem bedrohlichen Erlebnis bleibt der Körper manchmal in einer Art Alarmbereitschaft. Er hat gelernt, dass Gefahr plötzlich kommen kann, und reagiert entsprechend schnell. Die bekannte Kampf-oder-Flucht-Reaktion ist dafür gemacht, uns zu schützen. Wenn sie aber dauerhaft „vorgeheizt“ ist, reicht ein kleiner Auslöser, und der ganze Apparat springt an.
Wut ist in diesem Sinn die Kampf-Seite dieser Reaktion. Sie sagt: Hier stimmt etwas nicht, ich muss mich wehren. Das Problem ist nur, dass die Gefahr, auf die sie reagiert, oft längst vorbei ist. Der Körper hat das noch nicht mitbekommen.
Typisch ist deshalb auch, dass die Wut unverhältnismäßig wirkt, für andere und für einen selbst. Ein lautes Geräusch, ein bestimmter Tonfall, das Gefühl, übergangen zu werden: Solche Reize können an etwas rühren, das mit der aktuellen Situation wenig zu tun hat.
Woran Sie erkennen können, dass mehr dahintersteckt
Nicht jede Gereiztheit hat mit einem Trauma zu tun. Schlafmangel, Dauerstress im Job oder körperliche Ursachen können ähnlich wirken, und das sollte man auch ärztlich abklären lassen. Hellhörig werde ich in Gesprächen vor allem, wenn einige dieser Punkte zusammenkommen:
- Die Reizbarkeit hat nach einem bestimmten Ereignis oder einer belastenden Lebensphase begonnen oder deutlich zugenommen.
- Sie sind gleichzeitig schreckhaft, schlafen schlecht oder fühlen sich ständig angespannt.
- Nach einem Wutausbruch fühlen Sie sich leer, beschämt oder wie „neben sich“.
- Bestimmte Situationen meiden Sie, weil Sie Angst vor der eigenen Reaktion haben.
Manche Menschen erleben auch das Gegenteil im Wechsel: Phasen, in denen sie innerlich wie abgeschaltet sind, und dann wieder Momente, in denen alles überkocht.
Warum Scham es so schwer macht, Hilfe zu suchen
Mit Angst oder Niedergeschlagenheit in eine Psychotherapie zu gehen, fällt vielen inzwischen leichter. Mit Wut ist das anders. Wer laut wird, fühlt sich schnell als Täter statt als jemand, der selbst etwas Schweres erlebt hat. Ich verstehe diese Zurückhaltung gut. Gleichzeitig ist es mir wichtig zu sagen: Die Wut zu verstehen heißt nicht, sie zu entschuldigen. Es heißt, an der Ursache zu arbeiten, damit Sie wieder selbst entscheiden können, wie Sie reagieren.
Wie Traumatherapie bei Reizbarkeit ansetzt
Am Anfang steht meist gar nicht das belastende Erlebnis selbst. Zuerst schauen wir gemeinsam, wann die Wut auftaucht, was ihr vorausgeht und wie sie sich im Körper ankündigt. Viele merken dabei zum ersten Mal, dass es Vorzeichen gibt: ein Druck in der Brust, ein heißer Kopf, ein Engegefühl. Wer diese Signale kennt, gewinnt einen kleinen Moment Abstand, und genau in diesem Moment liegt Spielraum.
Wir üben dann Wege, das Nervensystem wieder herunterzuregulieren. Man kann sie trainieren wie einen Muskel.
Wenn genug Stabilität da ist, kann es darum gehen, die zugrunde liegenden Erinnerungen zu bearbeiten. Mit Methoden aus der Verhaltenstherapie und, wo es passt, mit EMDR, versuchen wir, dass das Erlebte seinen Platz in der Vergangenheit findet. Wie schnell das geht und wie viel sich verändert, ist sehr individuell. Versprechen kann ich dazu nichts. Ich erlebe aber oft, dass Menschen im Lauf der Therapie wieder mehr Luft zwischen Auslöser und Reaktion bekommen.
Ein erster Schritt
Wenn Sie sich in diesem Text wiedererkennen, müssen Sie nicht warten, bis die Wut „schlimm genug“ ist. Schon die Beobachtung, dass Ihre Reaktionen nicht mehr zu Ihnen passen, ist ein guter Grund für ein Gespräch. In meiner Praxis in Berlin-Friedrichshain können wir in einem Erstgespräch in Ruhe klären, was hinter Ihrer Reizbarkeit stecken könnte und ob eine Traumatherapie der richtige Weg für Sie ist.