Es gibt einen Moment in Erstgesprächen, den ich gut kenne. Jemand erzählt, warum er oder sie gekommen ist, und dann stockt das Gespräch. Der Blick geht zum Boden. „Das klingt jetzt bestimmt komisch“, heißt es dann, oder: „Eigentlich war es ja gar nicht so schlimm.“ Was in diesem Moment im Raum ist, ist meistens nicht Angst. Es ist Scham.
Warum Scham nach belastenden Erlebnissen so mächtig ist
Scham ist ein Gefühl, das sich gegen die eigene Person richtet. Schuld sagt: „Ich habe etwas falsch gemacht.“ Scham sagt: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Nach Gewalt, Demütigung, Übergriffen oder auch nach Erlebnissen, in denen man sich hilflos gefühlt hat, setzt sich dieses Gefühl oft tief fest.
Viele Menschen, mit denen ich arbeite, schämen sich für Dinge, für die sie keinerlei Verantwortung tragen. Dafür, dass sie sich nicht gewehrt haben. Dafür, dass ihr Körper erstarrt ist. Dafür, dass sie danach weiter funktioniert haben, als sei nichts gewesen. Dabei ist Erstarren eine sehr alte Schutzreaktion des Nervensystems und kein Versagen.
Wie Scham Betroffene zum Schweigen bringt
Scham will verstecken. Das ist ihre Aufgabe. Wer sich schämt, möchte nicht gesehen werden, und so bleibt das Erlebte oft jahrelang unausgesprochen, manchmal auch vor dem eigenen Partner oder der besten Freundin.
Das Schweigen hat seinen Preis. Es kann sich zeigen als Rückzug, als ständige Anspannung in Nähe, als harte innere Stimme, die einen abwertet. Manche merken lange gar nicht, dass ihre Erschöpfung oder ihre Schlafprobleme mit einem Erlebnis zusammenhängen, über das sie nie gesprochen haben. Und nicht selten ist es genau die Scham, die den Weg in eine Therapie verzögert. Man fürchtet, bewertet oder nicht ernst genommen zu werden.
Traumatherapie: behutsam, im eigenen Tempo
Ein wichtiger Grundsatz in meiner Arbeit lautet: Sie müssen nichts erzählen, wozu Sie noch nicht bereit sind. Es braucht keine detaillierte Schilderung, damit Therapie wirken kann. Am Anfang steht vielmehr, dass Sie sich im Raum, ob in der Praxis in Berlin oder online, sicher genug fühlen.
Oft beginnen wir mit Stabilisierung. Sie lernen, Anspannung zu erkennen und sich selbst zu beruhigen, wenn Erinnerungen hochkommen. Erst auf dieser Grundlage geht es an die belastenden Inhalte.
EMDR
Bei EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) wird eine belastende Erinnerung in kleinen Schritten aufgerufen, während Sie zum Beispiel mit den Augen einer seitlichen Bewegung folgen. Viele erleben dabei, dass die Erinnerung an Schärfe verliert. Oft lockert sich mit ihr die Überzeugung, die man seitdem über sich selbst trägt. Aus „Ich bin schuld“ kann dann allmählich ein „Ich habe getan, was ich in dem Moment konnte“ werden.
Imagery Rescripting (IRRT)
IRRT ist eine eigenständige psychotherapeutische Methode, die mithilfe von Imaginationen belastende Erinnerungen verarbeitet und verändert. Sie wurde für Traumafolgestörungen entwickelt und wird heute auch bei weiteren psychischen Erkrankungen eingesetzt. Das ist kein Umschreiben der Vergangenheit. Es geht darum, dem Erleben etwas hinzuzufügen, was damals gefehlt hat. Gerade bei Scham kann das sehr entlastend sein, weil sie oft an das Gefühl gebunden ist, allein und ungeschützt gewesen zu sein.
Der erste Schritt darf klein sein
Ich verspreche Ihnen nicht, dass die Scham sofort verschwindet. Sie wird in der Therapie aber besprechbar. Und das verändert oft schon viel, weil etwas, das ausgesprochen und nicht verurteilt wird, an Macht verliert.
Wenn Sie spüren, dass Sie etwas mit sich tragen, worüber Sie bisher nicht sprechen konnten, dürfen Sie sich bei mir melden. Es reicht, wenn Sie im Erstgespräch sagen: „Da ist etwas, aber ich kann es noch nicht erzählen.“ Damit können wir arbeiten.