Es fängt oft harmlos an. Ein Stechen in der Brust beim Treppensteigen, ein Muttermal, das plötzlich anders aussieht, ein Kopfschmerz, der nicht weggeht. Und dann geht es schnell: das Handy in der Hand, ein paar Suchbegriffe, und nach zehn Minuten liest man über Krankheiten, an die man vorher nie gedacht hat.
Wer so etwas gelegentlich erlebt, ist nicht krank. Wenn die Sorge um die eigene Gesundheit aber den Alltag bestimmt, spreche ich von Gesundheitsangst, fachlich auch Krankheitsangst genannt. In meiner Praxis in Berlin und in Online-Sitzungen begegnet sie mir häufiger, als viele denken.
Woran man Gesundheitsangst erkennt
Menschen mit Gesundheitsangst beobachten ihren Körper sehr genau. Sie tasten nach Knoten, messen den Puls, prüfen die Haut. Normale Körpersignale, die jeder Mensch hat, werden als Warnzeichen gedeutet. Ärztliche Befunde beruhigen, aber meist nur für kurze Zeit. Kurz darauf meldet sich der Zweifel: Hat die Ärztin auch wirklich richtig geschaut? Was, wenn der Test etwas übersehen hat?
Andere gehen den umgekehrten Weg und meiden Arztbesuche ganz, weil die Angst vor einer schlimmen Diagnose zu groß ist. Beides kann Ausdruck derselben Angst sein.
Der Kreislauf aus Beobachten, Googeln und Beruhigung
Was die Gesundheitsangst so hartnäckig macht, ist ein Kreislauf, den ich mit Klientinnen und Klienten oft zuerst aufzeichne. Ein Körpersignal wird bemerkt. Es folgt ein bedrohlicher Gedanke, etwa „Das könnte ein Tumor sein“. Die Angst steigt, und mit ihr oft auch die Körperempfindungen selbst: Herzklopfen, Enge, Schwindel. Um sich zu beruhigen, sucht man nach Informationen oder Rückversicherung, im Internet, bei Angehörigen, in der Arztpraxis.
Das entlastet kurzfristig. Langfristig lernt das Gehirn aber: Ohne Kontrolle bin ich nicht sicher. Die Aufmerksamkeit für den Körper wächst, und beim nächsten Signal beginnt alles von vorn. Die Online-Suche verstärkt das zusätzlich, weil sie selten eindeutige Antworten liefert und seltene, schwere Erkrankungen dort sehr präsent sind.
Wie Verhaltenstherapie aus dem Kreislauf herausführt
Die kognitive Verhaltenstherapie setzt genau an diesem Kreislauf an. Wichtig vorab: Es geht nicht darum, Ihnen Ihre Beschwerden auszureden oder körperliche Abklärung zu ersetzen. Eine sinnvolle ärztliche Untersuchung gehört dazu. Was wir in der Therapie bearbeiten, ist die Angst, die danach bleibt.
Zunächst schauen wir uns an, wie Ihre Gedanken bei einem Körpersignal ablaufen und welche alternativen Erklärungen es gibt. Viele sind überrascht, wie schnell sie innerlich von „ein Ziehen“ zu „etwas Lebensbedrohliches“ springen.
Ein zweiter Baustein ist, das Kontrollverhalten schrittweise zu reduzieren. Das heißt konkret: weniger tasten, weniger googeln, weniger nachfragen. Am Anfang fühlt sich das oft unerträglich an. Mit der Zeit erleben viele aber, dass die Angst auch ohne Kontrolle wieder abklingt. Diese Erfahrung ist wirksamer als jede Beruhigung von außen.
Wir üben außerdem, die Aufmerksamkeit bewusster zu lenken, weg vom ständigen Abscannen des Körpers, hin zu dem, was Ihnen im Leben wichtig ist. Denn häufig hat die Angst über die Jahre einiges davon verdrängt.
Wann Sie sich Unterstützung holen sollten
Wenn Sie merken, dass Gedanken an Krankheiten Sie täglich beschäftigen, dass Sie viel Zeit mit Recherche verbringen oder dass ärztliche Entwarnungen nicht mehr ankommen, lohnt sich ein Gespräch. Gesundheitsangst lässt sich verhaltenstherapeutisch gut behandeln, aber sie verschwindet selten von allein.
Gerne können Sie ein Erstgespräch in meiner Berliner Praxis für Verhaltenstherapie anfragen. Sie müssen dafür nicht wissen, ob Ihre Sorge „schon schlimm genug“ ist.