„Es war, als würde ich mich selbst durch eine Glasscheibe beobachten.“ So oder ähnlich beschreiben Menschen in meiner Praxis Momente, in denen sich plötzlich alles fremd anfühlt. Stimmen klingen weit weg, der eigene Körper wirkt, als gehöre er nicht dazu. Viele erzählen davon erst nach Wochen, weil sie Angst haben, für verrückt gehalten zu werden. Das sind sie nicht. Dissoziation ist eine Reaktion, zu der unser Nervensystem grundsätzlich fähig ist.
Was Dissoziation ist
Dissoziation bedeutet, dass Dinge, die normalerweise zusammengehören, vorübergehend auseinanderfallen: Wahrnehmung, Gefühle, Erinnerungen, das Erleben des eigenen Körpers. Leichte Formen kennt fast jeder. Sie fahren eine vertraute Strecke und wissen hinterher nicht mehr, wie Sie angekommen sind. Oder Sie sind so in ein Buch vertieft, dass Sie Ihren Namen nicht hören.
Belastend wird Dissoziation, wenn sie ungewollt auftritt, häufig wiederkehrt oder Angst macht. Betroffene beschreiben dann etwa, dass sie sich wie im Film fühlen, Gefühle wie abgeschaltet sind, sie den eigenen Körper kaum spüren oder für kurze Zeiträume Erinnerungslücken entstehen. Das Gefühl, sich selbst fremd zu sein, heißt fachlich Depersonalisation. Wirkt die Umgebung unwirklich, spricht man von Derealisation.
Dissoziation und Trauma: ein Schutzmechanismus
Um Dissoziation zu verstehen, hilft ein Blick darauf, wozu sie ursprünglich dient. In einer Situation, der man weder entkommen noch sich widersetzen kann, schaltet das Nervensystem manchmal auf eine Art Notbetrieb. Schmerz und Angst werden gedämpft, man steht gewissermaßen neben sich. In diesem Moment kann das helfen, Unerträgliches zu überstehen.
Schwierig wird es, wenn dieser Notfallmodus später bleibt. Dann reicht manchmal ein Geruch oder ein bestimmter Tonfall, um ihn auszulösen, obwohl längst keine Gefahr mehr besteht. Ich erlebe oft, dass Betroffene sich dafür schämen. Mir ist wichtig, dazu etwas zu sagen: Ihr Körper hat einmal versucht, Sie zu schützen. Er hat nur noch nicht gelernt, dass die Gefahr vorbei ist.
Nicht jede Dissoziation hat ihren Ursprung in einem Trauma. Auch starker Stress oder anhaltender Schlafmangel können solche Zustände begünstigen. Treten die Beschwerden neu und plötzlich auf, sollten sie zudem ärztlich abgeklärt werden, damit körperliche Ursachen ausgeschlossen sind.
Warum Stabilisierung vor der Traumabearbeitung kommt
Wer von Traumatherapie hört, denkt oft zuerst an das Durcharbeiten belastender Erinnerungen, etwa mit EMDR. Das ist ein wichtiger Teil, aber selten der erste. Neigt jemand stark zur Dissoziation, würde eine zu frühe Konfrontation das Nervensystem schnell überfordern. Man rutscht dann in genau den Zustand, den man eigentlich verändern möchte.
Deshalb beginnt die Arbeit in meiner Praxis mit Stabilisierung. Gemeinsam finden wir heraus, woran Sie frühe Anzeichen erkennen und was Sie in den gegenwärtigen Moment zurückholt. Das sind oft einfache, körperbezogene Dinge:
- kräftige Sinnesreize, zum Beispiel ein Stück Eis in der Hand oder etwas Saures im Mund
- bewusstes Spüren der Füße auf dem Boden, am besten mit etwas Druck
- Orientierung im Raum: fünf Dinge benennen, die man gerade sieht, und laut sagen, welcher Tag heute ist
- ein vorbereiteter Satz, der an die Gegenwart erinnert, etwa „Ich bin hier, und es ist jetzt.“
Erst wenn solche Wege verlässlich funktionieren und Sie mehr Vertrauen in Ihre eigene Steuerungsfähigkeit gewonnen haben, wenden wir uns dem Belastenden selbst zu. Dieses Tempo ist kein Umweg. Es sorgt dafür, dass die Verarbeitung überhaupt tragen kann.
Für Angehörige und Betroffene
Wenn Sie bei einem nahestehenden Menschen dissoziative Momente beobachten, hilft ruhiges Ansprechen mit dem Namen mehr als Schütteln oder Drängen. Fragen Sie, was gerade guttut, und lassen Sie Zeit.
Und wenn Sie selbst solche Zustände kennen: Sie müssen sie nicht allein einordnen. In einem Erstgespräch, vor Ort oder per Video, können wir in Ruhe klären, was hinter Ihrem Erleben steckt und welcher Weg zu Ihnen passt.