In den letzten Wochen erreichen mich auffällig viele Fragen zu EMDR. Patienten haben davon gelesen, manche bringen einen Zeitungsartikel mit, andere haben davon gehört. Was mir dabei auffällt: Die Methode wird oft als eine Art Wundermittel dargestellt, dabei ist EMDR vor allem eines – ein gut erforschtes, strukturiertes Verfahren mit einem klaren Ablauf.
Was hinter der Abkürzung steckt
EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing, auf Deutsch etwa: Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegungen. Entwickelt wurde das Verfahren Ende der 1980er Jahre von der amerikanischen Psychologin Francine Shapiro, ursprünglich zur Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung. Inzwischen setze ich es in meiner Praxis auch bei belastenden Einzelereignissen ein, die sich nicht zu einer vollständigen PTBS entwickelt haben, aber trotzdem das Alltagsleben einschränken.
Der Kerngedanke: Belastende Erinnerungen werden im Gehirn manchmal nicht vollständig verarbeitet und bleiben dadurch emotional hoch aufgeladen. Bilder, Geräusche oder Körperempfindungen von damals können sich anfühlen, als wären sie gerade erst passiert. EMDR soll diesen Verarbeitungsprozess wieder in Gang bringen.
Wie eine Sitzung abläuft
Zu Beginn steht immer ein ausführliches Gespräch, in dem wir gemeinsam schauen, welche Erinnerung oder welches Thema bearbeitet werden soll und ob die Person dafür stabil genug ist. Das ist mir wichtig: EMDR wird nicht einfach angesetzt, sobald jemand von etwas Belastendem erzählt. Es braucht eine gewisse Grundstabilität, sonst kann die Konfrontation mit dem Material mehr aufwühlen als helfen.
In der eigentlichen Verarbeitungsphase ruft sich die Patientin oder der Patient die belastende Szene noch einmal ins Gedächtnis, während ich mit meiner Hand oder einem Lichtpunkt eine beidseitige Stimulation vorgebe – meist über Augenbewegungen, manchmal auch über Klopfen im Wechsel links und rechts. Zwischen den einzelnen Sets frage ich nach, was gerade auftaucht: ein Bild, ein Gedanke, ein Gefühl im Körper. Das kann sprunghaft wirken, ist aber Teil des Prozesses.
Was sich dabei verändert
Viele meiner Patienten beschreiben, dass die Erinnerung nach einigen Sitzungen zwar noch da ist, aber ihre emotionale Schärfe verliert. Ein Satz, den ich häufig höre: „Ich weiß noch, was passiert ist, aber es fühlt sich nicht mehr so an, als würde es gerade wieder passieren.“ Genau das ist das Ziel – nicht das Vergessen, sondern die Einordnung des Erlebten als etwas, das der Vergangenheit angehört.
Für wen EMDR infrage kommt
Am häufigsten wende ich EMDR bei einzelnen belastenden Ereignissen an: Unfälle, Übergriffe oder schwere Verlusterfahrungen. Bei komplexeren, über Jahre gewachsenen Belastungen, etwa aus einer schwierigen Kindheit, ist EMDR meist ein Baustein innerhalb eines längeren therapeutischen Prozesses, nicht die alleinige Behandlung. Wie viele Sitzungen nötig sind, lässt sich vorab kaum pauschal sagen – das hängt von der Anzahl und Schwere der Erinnerungen ab, die bearbeitet werden sollen.
Wenn Sie überlegen, ob EMDR für Ihr Anliegen passend sein könnte, sprechen Sie das gerne im Erstgespräch an. Ich schaue dann gemeinsam mit Ihnen, ob das Verfahren zu Ihrer Situation passt oder ob ein anderer Zugang sinnvoller ist.