Immer wieder sitzen Menschen bei mir, die jahrelang von Arzt zu Arzt gegangen sind, bevor sie den Weg in die Psychotherapie gefunden haben. Rückenschmerzen ohne organischen Befund, chronische Verspannungen im Nacken, ein Engegefühl in der Brust, Migräne, die trotz Behandlung wiederkehrt. Erst nach vielen Untersuchungen taucht die Frage auf, ob die Beschwerden etwas mit belastenden Erlebnissen zu tun haben könnten.

Warum sich Erlebtes im Körper festsetzt

Unser Nervensystem reagiert auf bedrohliche Situationen zunächst körperlich – mit erhöhtem Herzschlag, Anspannung der Muskulatur, flacher Atmung. Normalerweise klingt diese Reaktion ab, sobald die Gefahr vorbei ist. Bei überwältigenden oder wiederholten belastenden Erfahrungen gelingt dieses Abklingen manchmal nicht vollständig. Der Körper bleibt in einem Zustand erhöhter Wachsamkeit, selbst wenn die Situation längst vorüber ist und der Verstand das eigentlich weiß.

Das erklärt, warum Traumafolgen sich so oft jenseits klassischer psychischer Symptome zeigen. Schlafstörungen, Verdauungsbeschwerden, ein ständig angespannter Kiefer, Schwindel ohne erkennbare Ursache – all das kann Ausdruck eines Nervensystems sein, das noch immer auf eine Bedrohung reagiert, die längst nicht mehr besteht.

Der blinde Fleck vieler Diagnosen

Aus meiner Praxiserfahrung berichten viele PatientInnen von einer langen Odyssee durch verschiedene Fachrichtungen. Das ist verständlich, denn körperliche Beschwerden werden zunächst körperlich abgeklärt, und das ist auch richtig so. Problematisch wird es, wenn nach ausgeschlossenen organischen Ursachen keine weitere Erklärung folgt und die Beschwerden als vage Diagnose stehen bleiben.

Wer über Jahre mit unerklärlichen körperlichen Symptomen lebt, entwickelt oft zusätzlich Angst vor den eigenen Körperempfindungen. Diese Angst wiederum verstärkt die körperliche Anspannung – ein Kreislauf, der sich ohne gezielte Bearbeitung selten von selbst auflöst.

Wie Traumatherapie hier ansetzt

In der Behandlung schauen wir uns zunächst gemeinsam an, wann die Beschwerden begonnen haben und ob es einen zeitlichen Zusammenhang mit belastenden Lebensereignissen gibt. Das muss keine dramatische Erfahrung sein – auch andauernder Stress, ein belastendes Arbeitsumfeld oder unverarbeitete Verlusterlebnisse können sich körperlich niederschlagen.

Methoden wie EMDR oder körperorientierte Ansätze helfen dabei, die im Nervensystem festsitzende Anspannung schrittweise zu lösen. Wichtig ist mir dabei, dass Klientinnen und Klienten lernen, ihre Körperwahrnehmung wieder als Informationsquelle zu nutzen statt als Bedrohung zu erleben. Ein Kribbeln im Bauch muss nicht sofort Panik auslösen – es kann auch einfach eine Empfindung sein, die vorübergeht.

Was Sie selbst beobachten können

Falls Sie sich in diesem Text wiedererkennen: Achten Sie einmal darauf, ob sich Ihre körperlichen Beschwerden in bestimmten Situationen verstärken, etwa bei Stress, in bestimmten Beziehungen, an bestimmten Jahrestagen oder in überfüllten Räumen. Solche Muster geben oft erste Hinweise, auch wenn sie nicht sofort erklären, woher die Beschwerden kommen.

Ein Erstgespräch in meiner Praxis kann ein guter Ausgangspunkt sein, um einzuschätzen, ob eine traumaorientierte Behandlung für Sie infrage kommt, unabhängig davon, ob bereits eine körperliche Diagnose vorliegt oder nicht.

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