"Ich weiß eigentlich genau, dass ich Nein sagen möchte – aber im Moment selbst bringe ich es einfach nicht heraus." Diesen Satz höre ich in unterschiedlichen Varianten immer wieder, besonders bei Klientinnen und Klienten mit einer Trauma-Vorgeschichte. Was von außen wie mangelnde Durchsetzungsfähigkeit aussieht, hat oft einen sehr konkreten Ursprung im Nervensystem.

Warum das Nein im Trauma-Kontext so schwer wiegt

Wer als Kind oder in einer späteren Beziehung erlebt hat, dass Grenzen setzen bestraft, ignoriert oder mit Liebesentzug beantwortet wurde, lernt früh: Anpassung ist sicherer als Widerstand. Diese Strategie war in der ursprünglichen Situation oft überlebenswichtig. Das Problem ist, dass sie sich im Nervensystem festsetzt und auch dann noch aktiv bleibt, wenn die eigentliche Gefahr längst vorbei ist.

In der EMDR-Arbeit sehe ich häufig, dass ein Nein im Körper regelrecht blockiert ist – nicht aus mangelndem Willen, sondern weil das Nervensystem eine Grenzsetzung unbewusst mit Gefahr verknüpft. Der Kopf weiß, dass die aktuelle Situation harmlos ist. Der Körper reagiert trotzdem: mit Anspannung, mit Erstarren, mit Rückzug oder mit dem Impuls, es allen recht zu machen.

Typische Muster im Alltag

Manche meiner PatientInnen übernehmen ungefragt zusätzliche Aufgaben, obwohl sie selbst am Limit sind, und sagen im Gespräch Ja, obwohl sie innerlich längst Nein gedacht haben. Hinterher ärgern sie sich tagelang über sich selbst. Andere meiden Konflikte so konsequent, dass sie eigene Bedürfnisse kaum noch wahrnehmen, oder erklären fremde Wünsche fast automatisch zur Priorität. Diese Reaktionen sind keine Charakterschwäche, sondern erlernte Schutzmechanismen.

Der Weg zurück zur eigenen Grenze

In der Behandlung arbeite ich zunächst daran, das Muster überhaupt sichtbar zu machen. Oft ist es so automatisiert, dass es gar nicht als Reaktion auf altes Trauma erkannt wird. Erst wenn klar wird, woher der Reflex kommt, lässt sich an ihm arbeiten.

Ein zweiter Schritt ist, kleine Grenzsetzungen in einem geschützten Rahmen zu üben, etwa im Rollenspiel während der Sitzung, bevor sie im echten Leben angewendet werden. Das mag zunächst künstlich wirken, gibt dem Nervensystem aber die Möglichkeit, neue, sichere Erfahrungen mit dem eigenen Nein zu machen.

Bei traumabedingten Grenzproblemen setze ich häufig EMDR ein, um die ursprüngliche belastende Erfahrung zu verarbeiten, die hinter dem Muster liegt. Wenn die alte Situation ihre emotionale Ladung verliert, verändert sich häufig auch das aktuelle Verhalten, ohne dass man sich das Neinsagen mühsam antrainieren muss.

Geduld mit sich selbst

Wer sich in diesem Muster wiedererkennt, sollte sich nicht zusätzlich unter Druck setzen. Ein Nein zu lernen, das über Jahre unterdrückt wurde, braucht Zeit. Schon der erste Schritt, zu erkennen, dass die eigene Anpassungsbereitschaft eine Geschichte hat, verändert oft, wie man mit sich selbst umgeht.

Wenn Sie merken, dass Grenzen setzen für Sie regelmäßig zur Überforderung wird, kann ein Gespräch in der Praxis helfen, das Muster einzuordnen und erste Schritte zu besprechen.

Termin anfragen

Weitere Artikel zu „Trauma & EMDR"

← Zurück zum Ratgeber