In meiner Praxis sitzen mir Menschen gegenüber, die selbst unter einer psychischen Belastung leiden. Immer wieder kommen aber auch Angehörige zu mir – Partnerinnen, Eltern, erwachsene Kinder, enge Freunde. Sie fragen, wie sie helfen können, und merken dabei oft gar nicht, wie erschöpft sie selbst schon sind.

Wenn jemand aus der Familie leidet, leidet man mit

Wer mit einem depressiven Partner zusammenlebt oder ein Kind mit einer Angststörung hat, übernimmt fast automatisch eine Art Wachdienst. Man beobachtet Stimmungen, wägt jedes Wort ab, plant den eigenen Alltag um die Belastung des anderen herum. Das passiert schleichend. Selten trifft jemand die bewusste Entscheidung, sich selbst zurückzustellen – es geschieht einfach, aus Sorge und aus Liebe.

Genau das macht es so schwer, den Punkt zu erkennen, an dem aus Fürsorge eine Überforderung wird.

Die eigene Erschöpfung ernst nehmen

Viele Angehörige, die zu mir kommen, berichten von Schlafproblemen, von Reizbarkeit, von einem Gefühl ständiger Anspannung. Manche schämen sich dafür, weil sie ja „eigentlich“ nicht die Betroffenen sind. Dieser Gedanke ist verständlich, aber er stimmt nicht. Wer über Monate oder Jahre die emotionale Last eines anderen mitträgt, trägt eine reale Last – mit realen Folgen für den eigenen Körper und die eigene Psyche.

Ich frage in solchen Gesprächen oft: Wann haben Sie das letzte Mal etwas für sich getan, ohne ein schlechtes Gewissen dabei zu haben? Die Antwort sagt meist mehr aus als jede Schilderung des Alltags.

Wo Unterstützung endet und Übernahme beginnt

Ein zentrales Thema in diesen Gesprächen ist die Frage, wie viel Verantwortung man für das Erleben eines anderen Menschen übernehmen kann und sollte. Angehörige neigen dazu, Aufgaben zu übernehmen, die eigentlich dem Betroffenen selbst helfen würden, sie zu bewältigen. Das ist gut gemeint, kann die Genesung des anderen aber unbeabsichtigt bremsen und die eigenen Kräfte gleichzeitig aufzehren.

Es lohnt sich, konkret zu unterscheiden: Was tue ich, weil es dem anderen wirklich hilft? Und was tue ich, weil ich die eigene Angst oder Hilflosigkeit sonst kaum aushalte?

Was Angehörigen tatsächlich hilft

Aus meiner Praxiserfahrung helfen drei Dinge besonders: klare eigene Grenzen, ein verlässlicher Rückzugsraum im Alltag und der Austausch mit jemandem außerhalb der Familie – sei es eine Freundin, eine Angehörigengruppe oder eine eigene Therapie. Letzteres ist kein Zeichen von Schwäche, sondern schlicht notwendig, wenn die eigene Belastung länger anhält.

Wichtig ist dabei ein Punkt, der oft übersehen wird: Sie müssen nicht warten, bis der andere „wieder gesund“ ist, um sich selbst Unterstützung zu holen. Beides kann parallel geschehen.

Wenn Sie merken, dass die Sorge um einen nahestehenden Menschen Sie selbst zunehmend belastet, sprechen Sie darüber – mit Vertrauten oder in einem geschützten therapeutischen Rahmen. Sie müssen diesen Weg nicht allein gehen.

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