Manchmal sitzt eine Patientin bei mir und fragt gleich zu Beginn: "Ist das, was ich fühle, überhaupt eine Angststörung – oder mache ich mir einfach zu viele Gedanken?" Diese Frage höre ich oft, und sie ist berechtigt. Sorge und Angst gehören zum Leben, sie warnen uns vor echten Gefahren und helfen uns, vorsichtig zu handeln. Problematisch wird es erst, wenn die Angst sich verselbstständigt.
Wo die normale Sorge aufhört
Eine gesunde Sorge hat einen klaren Anlass: die bevorstehende Prüfung, das Bewerbungsgespräch, die Diagnose eines nahen Angehörigen. Sie lässt nach, sobald die Situation vorbei ist oder sich eine Lösung abzeichnet. Bei einer Angststörung verhält es sich anders. Die Angst bleibt bestehen, obwohl objektiv keine Gefahr mehr besteht, oder sie tritt in Situationen auf, die für die meisten Menschen unproblematisch sind – der Wocheneinkauf, ein Telefonat, eine Präsentation im Job oder die U-Bahn-Fahrt zur Arbeit.
In meiner Praxis in Dortmund frage ich im Erstgespräch vor allem, wie lange die Angst schon besteht und wie stark sie den Alltag einschränkt. Zusätzlich achte ich darauf, ob der Körper auf eine vermeintliche Gefahr reagiert, obwohl objektiv nichts passiert – mit Herzrasen, Zittern oder Atemnot.
Körperliche Signale ernst nehmen
Viele Betroffene kommen zunächst über den Hausarzt oder die Notaufnahme zu mir, weil sie einen Herzinfarkt vermutet haben. Die Herzwerte sind unauffällig, das EKG ist in Ordnung – und trotzdem bleibt das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Das ist ein typisches Muster bei Panikattacken. Der Körper reagiert auf eine wahrgenommene Bedrohung, obwohl keine reale Gefahr vorliegt. Wer das einmal erlebt hat, entwickelt oft eine Angst vor der Angst selbst, was die Symptome zusätzlich verstärkt.
Wann aus Sorge eine behandlungsbedürftige Angststörung wird
Ein hilfreicher Anhaltspunkt aus meiner Praxis: Wenn die Angst länger als sechs Monate anhält und dabei den Alltag spürbar einschränkt – etwa weil bestimmte Orte gemieden werden oder soziale Kontakte abnehmen – lohnt sich ein genauerer Blick. Auch Schlafstörungen, die sich über Wochen hinziehen, oder das ständige Gefühl, auf der Hut sein zu müssen, sind Warnzeichen.
Eine behandlungsbedürftige Angststörung ist kein Zeichen von Schwäche. In der Verhaltenstherapie arbeiten wir mit erprobten Methoden, etwa der schrittweisen Annäherung an gemiedene Situationen oder dem gezielten Umgang mit körperlichen Angstsymptomen. Die meisten meiner Klientinnen und Klienten berichten mir nach einigen Wochen, dass sich allein durch das Verstehen der eigenen Reaktionen schon eine Erleichterung einstellt.
Was Angehörige tun können
Wer einen Menschen mit Angststörung im Umfeld hat, fragt sich oft, wie viel Rücksicht sinnvoll ist und wann sie eher hinderlich wird. Aus meiner Erfahrung hilft es, die Angst nicht kleinzureden, aber auch nicht jede Vermeidung mitzutragen. Ein Satz wie "Ich verstehe, dass dir das schwerfällt, aber ich glaube, du schaffst den ersten Schritt" trägt oft mehr als übermäßige Schonung.
Falls Sie sich in diesen Beschreibungen wiedererkennen: Ein erstes Gespräch verpflichtet zu nichts. Es hilft schon, die eigenen Symptome einmal auszusprechen und einzuordnen, ob professionelle Unterstützung sinnvoll wäre.