Manche Menschen wachsen auf und tragen ein Gewicht mit sich, das sie nicht benennen können. Sie funktionieren – manchmal sogar sehr gut von außen – aber innen fehlt etwas. Ein dauerhaftes Grundgefühl von Unsicherheit, die tiefe Überzeugung, nicht gut genug zu sein, Schwierigkeiten in engen Beziehungen, emotionale Ausbrüche oder ein vollständiges Abspalten von Gefühlen: Diese Muster können Zeichen eines komplexen Traumas sein.

Was ist ein komplexes Trauma?

Im Unterschied zu einem einmaligen traumatischen Ereignis – etwa einem Unfall oder einem Überfall – entsteht ein komplexes Trauma durch wiederholte, lang anhaltende Belastungen, häufig in der frühen Kindheit oder in Beziehungskontexten, aus denen kein Entrinnen möglich war.

Typische Ursachen sind:

  • Körperliche, emotionale oder sexuelle Misshandlung in der Kindheit
  • Emotionale Vernachlässigung (Kälte, Gleichgültigkeit, mangelnde Zuwendung durch Bezugspersonen)
  • Aufwachsen in einem Haushalt mit Suchtproblemen oder schwerer psychischer Erkrankung eines Elternteils
  • Anhaltende häusliche Gewalt oder chronisches Mobbing
  • Fehlende emotionale Sicherheit und Vorhersehbarkeit in der frühen Bindung

In Fachkreisen wird komplexes Trauma auch als komplexe PTBS (kPTBS) bezeichnet. Seit der Überarbeitung der internationalen Klassifikation psychischer Erkrankungen (ICD-11) ist kPTBS eine eigenständig anerkannte Diagnose.

Wie zeigt sich komplexes Trauma im Alltag?

Komplexes Trauma zeigt sich selten so eindeutig wie Flashbacks nach einem Unfall. Die Symptome sind oft diffus, vielfältig und werden häufig fehlgedeutet – als Charakterschwäche, als „zu empfindlich sein" oder fälschlicherweise als Persönlichkeitsstörung.

Mögliche Anzeichen können sein:

  • Starke Schwankungen im Selbstbild: Phasen des Selbstzweifels wechseln mit dem tiefen Gefühl, wertlos zu sein
  • Schwierigkeiten, anderen zu vertrauen – auch Menschen, die es ehrlich meinen
  • Intensive Reaktionen auf scheinbar kleine Auslöser (sogenannte Trigger)
  • Chronische Erschöpfung oder körperliche Beschwerden ohne klare organische Ursache
  • Dissoziative Zustände: das Gefühl, neben sich zu stehen oder wie hinter einer Glasscheibe zu sein
  • Anhaltende innere Leere oder emotionale Taubheit
  • Tiefe Scham- und Schuldgefühle, die keiner konkreten Situation zuzuordnen sind

Warum wird komplexes Trauma so oft spät erkannt?

Ein wesentlicher Grund ist, dass viele Menschen mit komplexem Trauma gelernt haben zu funktionieren. Als Kinder haben sie überlebt, indem sie ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellten, sich unsichtbar machten oder durch Leistung Sicherheit erkauften. Diese Überlebensstrategien funktionieren im Erwachsenenleben oft noch eine Weile – aber irgendwann kosten sie einen sehr hohen Preis.

Ein weiterer Grund liegt darin, dass die traumatischen Erfahrungen oft als „normal" wahrgenommen wurden. Wer in einem Umfeld aufgewachsen ist, in dem emotionale Vernachlässigung oder Unberechenbarkeit alltäglich war, hat häufig keinen Vergleich – und sucht daher lange keine Hilfe oder glaubt, kein Recht auf Unterstützung zu haben.

Wege zur Heilung

Die gute Nachricht: Komplexes Trauma ist behandelbar. Heilung ist möglich – auch wenn der Weg Zeit, Sicherheit und professionelle Begleitung braucht.

Eine wirksame Therapie beim komplexen Trauma arbeitet typischerweise in mehreren Phasen:

  • Stabilisierung: Zunächst geht es darum, innere Sicherheit zu entwickeln – Ressourcen zu stärken und Techniken zu erlernen, die helfen, sich selbst zu regulieren, wenn Gefühle überwältigend werden.
  • Traumaverarbeitung: In einem sicheren therapeutischen Rahmen werden belastende Erinnerungen und tief verankerte Überzeugungen schrittweise bearbeitet – etwa mit traumafokussierten Methoden wie EMDR.
  • Integration: Das Erlebte wird in die eigene Lebensgeschichte eingebettet. Neue Handlungsmuster entstehen, und ein stabileres Selbstbild entwickelt sich.

Wenn Sie sich in diesen Beschreibungen wiederfinden und das Gefühl haben, dass frühe Erfahrungen Ihr Leben noch heute stark beeinflussen, lade ich Sie herzlich ein, mit mir zu sprechen. Ein erstes Kennenlerngespräch ist unverbindlich – und kann bereits der erste Schritt in Richtung Veränderung sein.

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