Die Frage kommt oft schon am Telefon, manchmal ganz direkt, manchmal versteckt: „Muss ich da dann alles von früher erzählen?“ Hinter ihr steckt meist eine Sorge. Manche fürchten, in alten Geschichten zu wühlen, die sie lieber ruhen lassen. Andere haben das Gefühl, ihre Kindheit sei gar nicht schlimm genug gewesen, um darüber zu reden.
Meine ehrliche Antwort: Nein, Sie müssen nicht. In der Verhaltenstherapie, mit der ich arbeite, beginnen wir bei dem, was Sie heute belastet. Die Kindheit kommt dort zur Sprache, wo sie hilft, das Heute besser zu verstehen. Wie viel und wann, entscheiden Sie mit.
Welche Rolle hat die Kindheit in der Therapie?
Es gibt das verbreitete Bild von der Couch, auf der man jahrelang über Mutter und Vater spricht. Das hat mit der Verhaltenstherapie wenig zu tun. Hier geht es zuerst um konkrete Fragen: Was passiert in Ihnen, wenn die Panik kommt? Welche Gedanken halten Sie nachts wach? Was haben Sie schon ausprobiert?
Trotzdem frage ich am Anfang auch nach Ihrer Lebensgeschichte. Nicht, um jedes Detail zu kennen, sondern um zu verstehen, wie ein Problem entstanden ist. Wer als Kind erlebt hat, dass Fehler hart bestraft wurden, entwickelt vielleicht später einen strengen inneren Kritiker. Diesen Zusammenhang zu sehen, entlastet viele Patienten. Das Verhalten wirkt dann nicht mehr wie eine persönliche Schwäche, sondern wie etwas, das einmal einen Sinn hatte.
Wann die Vergangenheit wichtiger wird
Bei manchen Anliegen rückt die Vergangenheit stärker in den Mittelpunkt. Das gilt etwa, wenn belastende oder traumatische Erfahrungen bis heute nachwirken, in Form von Albträumen, plötzlichen Erinnerungen oder einem Gefühl ständiger Bedrohung. In der Traumatherapie arbeiten wir dann gezielt mit diesen Erinnerungen, zum Beispiel mit EMDR.
Auch das geschieht nicht unvorbereitet. Bevor wir uns schwierigen Erinnerungen nähern, geht es zuerst um Stabilität: Was hilft Ihnen, wenn es zu viel wird? Wo im Alltag finden Sie Halt? Erst wenn dieser Boden trägt, gehen wir weiter. Und auch dann müssen Sie nicht jede Einzelheit aussprechen, damit die Arbeit wirken kann.
Sie bestimmen das Tempo mit
Mir ist wichtig, dass Sie in der Therapie nicht das Gefühl haben, etwas preisgeben zu müssen, wofür Sie noch nicht bereit sind. Ein „Darüber möchte ich heute nicht sprechen“ ist völlig in Ordnung. Ich nehme das ernst und frage höchstens nach, was es gerade schwer macht. Oft liegt genau darin schon ein wichtiger Hinweis.
Umgekehrt gilt: Wenn Sie über Ihre Kindheit sprechen möchten, ist dafür Raum. Manche Patienten merken erst im Verlauf, dass bestimmte Erinnerungen sie beschäftigen, und bringen sie dann von sich aus mit.
Wenn Sie überlegen, eine Therapie zu beginnen, und diese Frage Sie bisher zurückgehalten hat, sprechen Sie sie im Erstgespräch einfach an. In meiner Praxis in Berlin-Friedrichshain gibt es derzeit keine Wartezeit auf einen Therapieplatz, ein erstes Gespräch ist also zeitnah möglich.
Muss ich im Erstgespräch über meine Kindheit sprechen?
Nein, im Erstgespräch geht es vor allem darum, was Sie aktuell belastet und was Sie sich von einer Therapie erhoffen. Ich frage zwar auch grob nach Ihrer Lebensgeschichte, Sie entscheiden aber selbst, wie ausführlich Sie antworten.
Was ist, wenn ich mich an vieles aus meiner Kindheit nicht erinnere?
Das ist kein Hindernis für eine Therapie. Lücken in der Erinnerung sind häufig und kein Grund zur Beunruhigung. Wir arbeiten mit dem, was Ihnen zugänglich ist, und vor allem mit dem, was Sie heute erleben.
Darf ich in der Therapie sagen, dass ich über etwas nicht sprechen möchte?
Ja, jederzeit. Sie bestimmen mit, welche Themen wann zur Sprache kommen. Eine gute therapeutische Beziehung lebt davon, dass auch ein Nein Platz hat.