„Ich will einfach nicht mehr so viel Angst haben.“ Diesen Satz höre ich in unterschiedlichen Varianten fast jede Woche. Verständlich – wer unter Angstzuständen leidet, möchte das Gefühl loswerden, am liebsten sofort. Nur: Angst lässt sich selten wegdrücken. In der Verhaltenstherapie geht es deshalb weniger darum, die Angst zum Verschwinden zu bringen, sondern darum, einen anderen Umgang mit ihr zu finden.

Warum Vermeidung die Angst größer macht

Ein Muster, das ich immer wieder beobachte: Aus Angst vor einer Situation – der vollen Bahn, dem Vortrag, dem Anruf beim Arzt – wird diese Situation gemieden. Kurzfristig bringt das Erleichterung, das Herz beruhigt sich, die Anspannung sinkt. Langfristig passiert aber etwas anderes: Das Gehirn lernt, dass die Situation tatsächlich gefährlich war, sonst hätte sich die Erleichterung ja nicht eingestellt. Beim nächsten Mal ist die Angst dann noch etwas größer, der Radius an vermiedenen Situationen wächst.

Genau an diesem Mechanismus setzt die Verhaltenstherapie an. Wir schauen gemeinsam, welche Situationen gemieden werden, und entwickeln einen Plan, wie sich diese Schritt für Schritt wieder aufsuchen lassen – kontrolliert, in einem Tempo, das zur Person passt.

Konfrontation ist kein Selbstzweck

Wenn ich von Konfrontationsübungen erzähle, kommt oft die Sorge: Muss ich mich jetzt einfach nur durchbeißen? Nein. Vor der eigentlichen Konfrontation steht immer die Arbeit an dem, was die Angst eigentlich bedeutet. Was befürchtet die Person konkret – einen Kontrollverlust oder eine Blamage? Erst wenn diese Gedanken greifbar werden, lässt sich prüfen, ob sie wirklich zutreffen. Die Konfrontation wird so zu einem Test dieser Annahme, nicht zu einer reinen Mutprobe.

Der Körper spielt mit

Angst ist keine rein gedankliche Angelegenheit. Herzrasen und ein enger Brustkorb verstärken oft die Sorge, es sei ernsthaft etwas falsch mit einem. In der Therapie erkläre ich deshalb auch, was im Körper während einer Angstreaktion passiert und warum diese Reaktion an sich ungefährlich ist, selbst wenn sie sich extrem unangenehm anfühlt. Manche Patientinnen und Patienten üben zusätzlich Techniken zur Atemregulation, andere kommen mit dem reinen Verständnis schon deutlich weiter.

Was sich nach einer Weile verändert

Nach einigen Wochen berichten viele, dass sich nicht die Angst an sich verändert hat, sondern ihr Verhältnis dazu. Die Angst taucht auf, wird aber nicht mehr sofort als Katastrophensignal gelesen. Manche Situationen, die vorher komplett gemieden wurden, lassen sich wieder aufsuchen, auch wenn ein Rest an Unbehagen bleibt. Das ist ein realistisches Ziel – ein angstfreies Leben gibt es ohnehin nicht, und das muss auch nicht das Ziel sein.


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